Adventsüberraschung hinter dem Ofentürchen

Nahezu ganz Reusten auf den Beinen: Der Südwestrundfunk macht Aufnahmen rund um das alte Backhaus

 

 

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VON BIRGIT SPIES

 

In Reusten: Singen vor dem Backhaus GB-Foto: Bäuerle

Ammerbuch-Reusten - Diesen vierten Adventssonntag werden die Reustener sicher nicht so schnell vergessen, war doch bestimmt der halbe Ort auf den Beinen, um beim Öffnen des Adventskalendertürchens dabeizusein, einer Veranstaltung von SWR 4, Landesstudio Tübingen, in Kooperation mit der Ortsverwaltung.

Für die Aktion "Adventskalender" von SWR 4 haben ausgesuchte Gemeinden etwas auf die Beine gestellt, um ihren Ort in der Vorweihnachtszeit in ein besonderes Licht zu rücken. Hell strahlte in Reustens Ortsmitte das Dreieck zwischen der Kelterkirche, einem kleinen Festzelt und dem geräumigen Backhaus aus roten Ziegeln, das besonders schön geschmückt war und eine Weihnachtsbeleuchtung umgelegt bekommen hatte. Gut gefüllt war die Kirche, die Kinder wuselten aufgeregt ein und aus, bis es um 18 Uhr "pscht" heißen musste: Programm und Aufnahmen begannen mit der "weißen Weihnacht", gefolgt von der "lustigen Schlittenfahrt" des Akkordeonspielrings Ammerbuch unter Birgit Niedner. Durch das Programm führte SWR- 4-Moderator Peter Binder, der die Umbaupausen für kleine Zwiegespräche nutzte. Ortsvorsteher Herbert Grab und Pfarrer Matthias Wirsching stellte er Fragen zum Backhaus und zur Kirche, die wie der Name andeutet ursprünglich als Kelter erbaut wurde. Die beiden eifrigen Erforscher von Reustens Ortsgeschichte, Jürgen Parchem und Roland Fakler, gaben Auskunft über die Themen, mit denen sie sich derzeit beschäftigen: unter anderem die Betteleiche im Geschichtslehrpfad, die Legende von der Großmutter Barbarossas, die in oder um Reusten gelebt haben soll, die Forschung über die antike Fluchtburg und eine Burg der Staufer, die auf bislang ungeklärte Weise verschwunden ist.

Ein kleiner Chor von sechs Kindern des Turn- und Gesangvereins Reusten (TGV), angeleitet von Jörg Beirer, Reustens musikalischem Kabarettisten, sang: "Kling Glöckchen" und "Draußen im Wald". Dann trat der Chor des Kindergartens auf, Gitarrenbegleitet von ihrer Leiterin Thea Schneckenberger und ihrer Erzieherin Brunhilde Kleb, und schließlich ein Chor der Grundschüler, dirigiert von Schulleiterin Brigitte Pallesche-Streit.

Roland Fakler, dessen vielseitige Interessen auch seine Ölgemälde an den Wänden der Kelterkirche demonstrierten, trug
im Anschluss eine Weihnachtsgeschichte vor - "nach einer wahren Begebenheit". Eng entlang der Vorlage von 1744 hatte er sie geschrieben; auf den Sachverhalt hatte ein früherer Erforscher der Ortsgeschichte aufmerksam gemacht, Lehrer Paul Gross, der zu Beginn der 30er Jahre das Archiv durchforstet hatte: Kern der Geschichte ist ein Streit zwischen dem Uhrmacher, der für das Uhrwerk der einstigen Reustener Bergkirche zuständig war, und dem örtlichen Pfarrer. Letzterem erschien eine Rechnung des Uhrmachers deutlich überzogen. Mit der Begründung, "da sind auch einige Viertele mit drin", weigerte er sich zu bezahlen. Unbekannt ist der wahre Ausgang des Streits, Fakler erfand eine versöhnliche Einigung der beiden Männer.

Nachdem der Kirchenchor unter der Leitung von Irene Schill "Wie soll ich Dich empfangen" und "Oh Tochter Zion freue dich" gesungen hatte, wurde das Adventstürlein geöffnet: Ausgesucht hatte sich der Ortschaftsrat die Tür des Backofens im Backhaus, auch darum, damit die Tradition des Brotbackens im Bewusstsein des Ortes bleibt.

Engel und Schneeflocken, Scherenschnitte der Grundschüler schmückten die erleuchteten Fenster des Backhauses. In der Backstube hatte Ortschaftsrätin Elfriede Beck für Emil Schmid, Reustens Schäfer, der vor drei Jahren in Rente ging, eine kleine Würdigung in Form zweier Schäferszenen aus Wollfiguren auf Moos gefertigt. Im zweiten Raum des Backhau ses befragte Moderator Peter Binder "Backfrau" Lore Kober. Sie berichtete von der Generalüberholung des 1855 gebauten Backhauses durch ehrenamtliche Helfer und darüber, dass immerhin zwei Mal wöchentlich im Backhaus Brot gebacken wird: "Nein, ein Bäcker hatte in Reusten keine Chance." Brot gab es an diesem Adventssonntag nicht, dafür große Neujahrsbrezeln, die in Stücken an die Kinder verteilt wurden. Zum Ausklang sang der Männerchor.

Die Sendung wird am heutigen Dienstag zwischen 17.05 Uhr und 18.05 Uhr im Radiotreff am Nachmittag des SWR 4 ausgestrahlt