Predigt statt Wein

 

2010-09-10

Schwäbisches Tagblatt

von

Mario Beisswenger

Reusten feiert die 250 Jahre alte evangelische Kirche in der früheren Kelter

Im Herbst jährt sich die Weihe der 250 Jahre alten Kirche in Reusten. Das Gebäude selbst erbaute das Klosteramt Bebenhausen schon 1575 als Weinkelter.

So sah es in der Kirche von Reusten vor der letzten großen Renovierung aus. Nach der Instandsetzung in den Jahren 1956 und ’57 verschwand der kunstvolle Schalldeckel über der Kanzel spurlos, die Fliesen sind jetzt schlichter. Privatbild

Reusten. Spürt der Reustener Pfarrer noch etwas von der früheren Funktion seiner Kirche als Weinpresse? Gar nicht, sagt Peter Palagyi. Ungewöhnlich sei der Raum schon mit seinen drei Zugängen, seiner auf drei Seiten umlaufenden Empore, dem eher quadratischen Umriss. Das hat so gar nichts von einem schlankem Kirchenschiff, in dem weit vorne der Pfarrer predigt. Palagyi fühlt sich wohl in dem vor einem Viertel Jahrtausend umgenutzten Raum. Auf dem großzügigen Platz rund um den Altar „können wir oft die ganze Kirchengemeinde versammeln und auf einmal Abendmahl feiern“.

Das von der Landesherrschaft nach der Reformation eingesetzte Klosteramt Bebenhausen baute die heutige Kirche zunächst als Weinkelter. Das Amt folgte da als Bauherr den Zisterzienser-Mönchen aus Bebenhausen, die im 13. Jahrhundert die Gemeinde Reusten den Tübinger Pfalzgrafen abgekauft hatten. Ihre Kirche setzten die Mönche um das Jahr 1300 nach oben auf den Kirchberg inmitten des Friedhofs. Eine Investition, die sich immerhin gut 400 Jahre hielt. Wegen des mühevollen Aufstiegs zu den Gottesdiensten war das Gotteshaus aber wohl nicht recht beliebt.

1696 war die Bergkirche noch instand gesetzt worden, 50 Jahre später aber schon wieder baufällig und wohl auch zu klein für den Ort. Jedenfalls wurde sie 1754 wegen Baufälligkeit geschlossen und nach fünf Jahren ganz abgebrochen. An ihre Lage erinnert nur noch ein kurzer Abschnitt der Friedhofsmauer und die zugemauerten Tore in dieser Umfassung. Einst schritten dort die Kirchgänger durch. Als Ersatzbau fasste die Gemeinde die Kelter ins Auge. Nach dem Niedergang des Weinbaus im Ammertal drohte sie zur Investitionsruine zu werden.

Vom alten Kirchenbau kamen die Bilder von Jesus und den zwölf Aposteln ins neue Gotteshaus. Außerdem zwei Glocken, wovon die kleinere der beiden, die Taufglocke, immer noch im Kirchturm hängt. Auch das Holz dieses Turmes stammt vom Vorgängerbau. Der wurde an die Kelter angebaut „teils um mehrerer Zierlichkeit willen“, wie es in einer damaligen Schrift hieß. Der andere Grund war, dass die Dorfbewohner auch weithin hören sollten, was die Uhr geschlagen hat.

Diese Geschichte der Kirche haben Roland Fakler und Jürgen Parchem in einem Kirchenführer zusammengetragen, der inzwischen in dritter von Monique Reichert grafisch überarbeiteter Auflage vorliegt. Für das Jubiläum hat sich nun Prof. Dieter Stievermann drangesetzt, den Kirchenbau in die Religionsgeschichte des Ammertals einzuordnen.

Der in Reusten wohnende und an der Uni Erfurt arbeitende Historiker zeichnet ausgehend vom späten Mittelalter das Bemühen der Reustener nach, einen Geistlichen in den eigenen Ort zu bekommen. Viel will er dazu noch nicht verraten, da er am 17. September in der Kirche seinen Vortrag halten wird. Spannend ist die Geschichte allemal, saß der für Reusten zuständige evangelische Pfarrer doch lange im katholisch geprägten Poltringen und kam erst 1814 nach Reusten. Auch für ihre Feiertagsgottesdienste wanderten die Reustener noch lange ammerabwärts in die Clemenskirche.

Für den heutigen Pfarrer, der im Frühsommer mit seiner Kirchengemeinde in Altingen das 150-Jahr-Jubiläum der dortigen Kirche feiern konnte, sind diese Probleme alte Geschichte. Peter Palagyi plagt sich mehr mit dem Erhalt des Kirchenbaus, dessen dicke Mauern durch Streusalz und aufsteigende Feuchtigkeit gefährdet sind. Die Kirchengemeinde sammelt gerade für eine Renovierung. Es werden nicht nur die eigens geschaffenen „Kirchennudeln“ verkauft, im Sommer brachten auch Filmvorführungen im Hof zwischen Kirche und Zehntscheuer Spenden. Die in privater Initiative teilrenovierte Zehntscheuer samt dem schon länger hergerichteten Platz ist vielleicht das schönste Geschenk zum Kirchenjubiläum.

Nach Open-Air-Kino und Kinderlesestunde geht es mit dem Jubiläumsprogramm in Reusten weiter. Am Sonntag, 12. September, ist um 10 Uhr Gottesdienst im Grünen auf dem Kirchberg. Um 15 Uhr gibt es ein gemeinsames Singen aller Interessierten auf dem Zehnthofplatz.

Am Freitag, 17. September, um 20 Uhr, hält Prof. Dieter Stievermann seinen Vortrag zur Kirchengeschichte.

Am Sonntag, 3. Oktober, ist nach dem um 9.30 Uhr beginnenden Gottesdienst ein großes Jubiläumsfest mit Mittagessen, Kaffee und Kuchen.

Zum Jubiläum gibt es in der Kirche eine Ausstellung, die auch im Internet zu sehen ist, und zwar unter der Adresse www.rolandfakler.de/Bilder/Empore/2010_08_25AusstellungKirche.html